Das Restless-Brain-Syndrom bei Hochbegabten und Hochsensiblen

Wenn der Kopf nie stillsteht....

Neulich schrieb ich mit einem meiner Klienten, bei dem sogar ich von Zeit zu Zeit „STOPP“ sagen muss: aufgrund seiner ICE-Geschwindigkeit, der Verkettung seiner Synapsen und der Ruhelosigkeit seiner Gedanken. Daneben wirke ich wie die Schildkröte Kassopeia. Und so schrieb mein Klient, Patrick (dessen Name ich hier nennen darf) folgendes, was mir brillant erschien (obwohl es das in Fachkreisen schon gibt): 

 

"Hochleistungsscanner zu sein, ist ja nur das eine, wenn es um Hochgeschwindigkeit im Hirn geht. Ich brauchte noch lange, um zu erkennen, dass die Zeiten zwischen zwei Hochleistungsphasen keine Ruhephasen sind, sondern mein Hirn ständig Futter haben will. Eine Freundin, der ich versuchte, dieses zu beschreiben, hörte aufmerksam zu und fragte dann - für mich erklärend: "Dein Gehirn macht also nie Pausen?" 

In der Sekunde machte ich eine Pause. Volltreffer - sie hat etwas erkannt, auf das ich nicht gekommen wäre: Ich habe ein Restless Brain Syndrom. Man kann es auch mit den Joggern vergleichen, die an der Ampel auf der Stelle weiterlaufen: Stehenbleiben scheinbar verboten.Tatsache ist, dass ich mein Hirn beschäftigen muss. Sonst fängt es an, sich selbst Beschäftigung zu suchen. Und so, wie ich mein Hirn kenne, ist es ganz gut, wenn ich es an die Hand nehme und führe.

Sonst gibt es Irrungen und Wirrungen, wenn es gelangweilt vor sich hindenkt …." 

 

Dieses Phänomen, was er und Wissenschaftler, so treffend als Restlesse-Brain-Syndrom (RBS) bezeichnet, kennt jeder Hochbegabte und Hochsensible nur zu gut. Und scheitert immer wieder daran, eine RUHETASTE zu finden. Warum dies so ist?

 

Hochbegabte und Hochsensible nehmen sehr viel wahr. Hochbegabte aufgrund ihres hohen Denkvermögens & weil der Hippocampus besser eingestellt ist. Nach Teuchert-Noodt bedeutet dies auf der Synapsenebene „dass die Rezeptionsmöglichkeit für elektrische Signale aufgrund bestimmter chemischer Verhältnisse länger offen bleibt. Auf der Verhaltensebene bedeutet das eine höhere Wachheit (Sensitivierung und raschere Hemmung/Habituierung). Diese chemischen Verhältnisse sind angelegt.“ 

 

Eine höheres Denkvermögen & höhere Wachheit führt bei Hochbegabten eben auch zu oft zu einem RBS- soll heißen, die permanente Aufnahme und schnelle Verarbeitung von Informationen, chronische Neugier und unstillbarer Wissensdrang münden darin, dass das Gehirn nie still steht. Hinzukommen oft philosophie-existentielle Fragestellungen, die sich Hochbegabte und Hochsensible seit früher Kindheit stellen.

 

Hochsensible nehmen vor allem viel über ihre Sinne auf und haben eine unglaublich hohe Phantasie, dazu oft eine hohes Empathievermögen. Von Kindheit an spüren sie oft Gefühle von anderen Menschen, nehmen starke Verbindungen zu der Natur und Tieren auf, spüren einen Weltschmerz- und setzten sich eben mit dieser stark auseinander. Ein hohes ethisches und moralisches Verständnis prägt sie sehr oft, sie sind nicht selten Vegetarier oder Veganer, setzen sich für Umweltschutz ein und denken über den Sinn des Lebens nach. Das alles führt auch hier zu dem RBS. 

 

Die Frage, die viele nun stellen- und wie kann ich das RBS „behandeln“? Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht: es gibt keinen Hexenspruch und kein Allheilmittel. Erstens ist die Bewusstwerdung wichtig, dass das RBS ein Merkmal von Hochbegabten und Hochsensiblen ist. Punkt. Zweitens ist es eine Frage der Übung, sein RB unter Kontrolle zu halten.

 

Mein Mentor Frank Sauer verglich den Verstand einmal mit einem Tier: stell Dir vor, dein Verstand ist ein Tier. Benenne das Tier. Und dann erziehe es! Sonst tanzt Dir das Tier auf der Nase herum. Bei mir ist es mein Dobermann, der ganz schön laut bellt und echt unerzogen ist, wenn ich nicht immer wieder in die Führung gehe. Und darum geht es: den Verstand zu führen und sich nicht führen zu lassen. Zu lernen, auch den Moment anzunehmen und nicht alles tot zu analysieren. Worte auch mal Worte sein zu lassen und keine Doktorarbeit darüber zu verfassen. Anzunehmen, dass das Gegenüber vielleicht Dinge auch „einfach“ mal so gemeint hat wie gesagt. Und auch wenn nicht- dein RB macht es nicht besser, das Ganze intellektuell so zu zerpflücken, dass nachher kein Stiel mehr übrig bleibt. Also, ausatmen. Sein lassen. Meinetwegen eine Runde rennen, tanzen und schreien. Aber RAUS AUS DEM RESTLESS BRAIN. Rein in den Körper. Dann wird alles besser, versprochen! 

 

Jamila

(danke Patrick, für Deine immerwährenden Inspirationen- es ist eine Freude, Dich zu coachen!) 

 

Quellen: http://www.hochbegabtenhilfe.de/neurobiologische-forschung-zur-hochbegabung/

https://thepsychologist.bps.org.uk/volume-22/edition-10/restless-brain

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Kommentare: 1
  • #1

    zottel (Dienstag, 06 November 2018 21:17)

    und ich könnte mir vorstellen, dass ich genau das habe...
    Aber ich recherchiere noch.